Line Pipe Global

Ausgabe 16 • Januar 2026

70 Kilometer gebaute Zukunft

Mit der Anbindung des LNG-Terminals in Wilhelmshaven an das Gasverteilnetz Nordwestdeutschlands ging nicht nur ein wichtiger Meilenstein der Versorgungssicherheit in Betrieb. Mit Mannesmann H2ready® Rohren ermöglicht dies auch den Beginn einer neuen Ära der Energiewirtschaft in Richtung Wasserstoff.

Um sich von russischen Öl- und Gas-importen zu lösen, entstand 2022 Deutschlands erstes LNG-Terminal in Wilhelmshaven. Über eine 3,3 Kilometer lange Hochdruckleitung strömt seitdem regasifiziertes Flüssigerdgas in den Gasspeicher Etzel.

Das Projekt ›Zukunftsleitung‹
Doch das war nur der Anfang. Unter dem vielsagenden Titel ›Zukunftsleitung‹ plante die EWE Netz GmbH im direkten Anschluss eine 70 Kilometer lange Leitung, um die Anbindung des LNG-Terminals in Wilhelmshaven weiterzuführen. Ziel: die sichere Energieversorgung von bis zu vier Millionen Haushalten in der Region.

Genehmigung und Bau in Rekordgeschwindigkeit
Dank der am 7. Oktober 2022 beschlossenen Novellierung des LNG-Beschleunigungsgesetzes (LNGG) konnte ein vorzeitiger Baubeginn erfolgen. Vom Planfeststellungsbeschluss im April 2023 bis zur Inbetriebnahme im Dezember 2023 vergingen nur rund neun Monate.
    Dass alles so schnell ging, lag auch an der Leistungsfähigkeit und Flexibilität seitens Mannesmann Line Pipe. Verkaufsleiter Konrad Thannbichler erinnert sich: »Unter der Dringlichkeit einer sicheren Energieversorgung haben wir natürlich alles Menschenmögliche in Bewegung gesetzt, um die benötigten Stahlrohre in Rekordzeit zu fertigen und auszuliefern.«


  

Feierten gemeinsam den Baustart der Zukunftsleitung. V. l.: Thorsten Soppa, Technische Projektleitung EWE Netz GmbH, Andreas Betzler, Geschäftsführer Mannesmann Line Pipe GmbH, und Arnd Kleemann, Projektleiter Umsetzung, EWE Netz GmbH Foto: © EWE

Feierten gemeinsam den Baustart der Zukunftsleitung. V. l.: Thorsten Soppa, Technische Projektleitung EWE Netz GmbH, Andreas Betzler, Geschäftsführer Mannesmann Line Pipe GmbH, und Arnd Kleemann, Projektleiter Umsetzung, EWE Netz GmbH Foto: © EWE


Für die Zukunftsleitung mussten rund 4.000 Rohrschweißungen inkl. Dichtheitsprüfung und Nachumhüllungen durchgeführt werden. 
Foto: © EWE

Für die Zukunftsleitung mussten rund 4.000 Rohrschweißungen inkl. Dichtheitsprüfung und Nachumhüllungen durchgeführt werden. Foto: © EWE

Minutiöse Produktionsplanung
Bereits im Dezember 2022 wurden Vorrohre für erforderliche Schweißprüfungen im Vorfeld geliefert. Mit der Auftragserteilung seitens EWE begann anschließend eine minutiöse Produktionsplanung. Binnen kürzester Zeit mussten zunächst 18.500 t Warmbreitband bereitstehen.
    Mit der Abstimmung konkreter Liefertermine konnte dann die eigentliche Produktionsplanung für die Leitung mit einer Transportkapazität von bis zu 6 Mrd. Kubikmetern pro Jahr beginnen. Für die kurzfristige Herstellung der als Mannesmann H2ready® gefertigten Rohre wurde gleich ein ganzes Team von erfahrenen Mitarbeitenden aus den Abteilungen Einkauf, Fertigung, Qualitätsprüfung, Beschichtung, externe Dienstleistungen, Versand und Logistik involviert.
    Ab Januar 2023 trafen sukzessive über 500 Coils Vormaterial per Bahn in Hamm zur Fertigung der rund 4.000 Rohre im
Durchmesser 610 mm ein. Gefordert waren Längen von 12 und 18 m mit Wanddicken von 14,3 bis 16,2 mm.

Logistische Meisterleistung
Parallel dazu begannen schon die Planungen zur Versand- und Anlieferungslogistik. Manuel Simm begleitete das Projekt während der gesamten Zeit. »Wir haben überlegt, wie rund 70 km Rohre ex Hamm in die Zielregion Wilhelmshaven transportiert werden können. Via Lkw wären wir auf knapp 850 Lkw-Fahrten zu den jeweiligen Ablageplätzen gekommen. Das wären – Rückfahrt eingerechnet – roundabout 400.000 Lkw-Kilometer gewesen, also knapp zehnmal um die Erde.«

Die Bahn kam wieder zum Zug
Die Lösung lag stattdessen wieder einmal bei der Bahn. Die fertigen Rohre wurden aus der Fertigungslinie in Hamm quasi direkt auf Spezialwaggons geladen und zwischen März und August 2023 als Komplettzüge gen Norden verschickt.
    14-mal kamen die rund 500 Meter langen Güterzüge am Bahnhof Jade-Weser-Port an und wurden von der Finke Spezialtransporte GmbH entladen. Die Logistiker von Mannesmann Line Pipe planten dabei exakt die benötigten Mengen für die Lagerplätze ein oder lotsten die Rohre direkt an die Baustellen. »Das hört sich im Nachhinein und in der Theorie ganz einfach an, aber im Tagesgeschäft war das ganz schön turbulent«, erinnert sich Manuel Simm.
    Denn gebaut wurde an mehreren Stellen gleichzeitig. In Spitzenzeiten waren bis zu 800 Mitarbeitende gleichzeitig auf mehreren Baustellen tätig, um den engen Zeitplan einzuhalten.



Statt per Lkw kamen die HFI-geschweißten Stahlrohre von Hamm mit 14 Güterzügen nach Wilhelmshaven. Foto: © EWE

Statt per Lkw kamen die HFI-geschweißten Stahlrohre von Hamm mit 14 Güterzügen nach Wilhelmshaven. Foto: © EWE


Bauprojekt mit ungeahnter Eigendynamik
»Obwohl die Mengen teils noch nach der eingegangenen Bestellung geändert wurden, entwickelte das Projekt eine ungeahnte Eigendynamik, die man sich an vielen anderen Stellen so nur wünschen kann«, so Manuel Simm weiter.
    Und das machte sich auch beim Baufortschritt bemerkbar. Bei der Besichtigung vor Ort zeigte sich auch Verkaufsleiter Konrad Thannbichler begeistert: »Eine Verlegung in so einer Geschwindigkeit habe ich in meiner gesamten Laufbahn noch nicht erlebt. Weder in Deutschland noch woanders.«

Polypropylen-Außenbeschichtung für HDD-Bohrungen
Und das betraf nicht nur die ›einfachen‹ Strecken, sondern galt auch für die zahlreichen Querungen von Straßen, Gleisen, Kanälen und Flüssen.
    »Insgesamt haben wir auch rund 15 km Rohre für anspruchsvolle HDD-Bohrungen geliefert«, so Manuel Simm. Dabei hat sich die Außenbeschichtung aus Polypropylen bestens bewährt. »Besonders hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang die Firma Rombouts Kunststof Techniek B.V., die über 800 Schweißnähte für die HDD-Bohrungen perfekt nachumhüllt hat.« Alle Rohreinzüge verliefen einwandfrei und unkompliziert.

Festakt mit dem ›Schlüssel der Energiewende‹
Am 18. März 2024 ging die Zukunftsleitung offiziell in Betrieb. EWE-Vorstandsvorsitzender Stefan Dohler und Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Stephan Weil drehten gemeinsam den symbolischen ›Schlüssel der Energiewende‹.
    Für Wilhelmshaven war dies der Startpunkt zum Drehkreuz für grüne Energie. Denn die neue Leitung sichert nicht nur die Versorgung der Region – hier wird schon jetzt mit Wasserstoff
für die Zukunft geplant.

Die Verlegearbeiten gingen in Höchstgeschwindigkeit voran. Zeitweise arbeiteten bis zu 800 Mitarbeitende an mehreren Bauabschnitten gleichzeitig an der Leitung Foto: © EWE

Die Verlegearbeiten gingen in Höchstgeschwindigkeit voran. Zeitweise arbeiteten bis zu 800 Mitarbeitende an mehreren Bauabschnitten gleichzeitig an der Leitung Foto: © EWE


EWE-Vorstandsvorsitzender Stefan Dohler, Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Stephan Weil und Christian Meyer, Niedersachsens Energie-, Umwelt- und Klimaschutzminister, nahmen die Zukunftsleitung am 18. März 2024 in Betrieb. Foto: © EWE

EWE-Vorstandsvorsitzender Stefan Dohler, Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Stephan Weil und Christian Meyer, Niedersachsens Energie-, Umwelt- und Klimaschutzminister, nahmen die Zukunftsleitung am 18. März 2024 in Betrieb. Foto: © EWE

›Green Wilhelmshaven Terminal‹
Noch kommt am Terminal Wilhelms-haven zwar ›nur‹ der Großteil des deutschen LNGs an, doch das soll sich bald gründlich ändern. Dann sollen neben dem regenerativen Strom aus Offshore-Windkraft auch schiffsbasierte Wasserstoffimporte in Form von grünem oder blauem Ammoniak hier anlanden. ›Green Wilhelmshaven Terminal (GWT)‹ heißt das ambitionierte Projekt.
    Die Offshore-Stromkapazitäten werden auf über 4 GW jährlich taxiert und  bis 2030 sollen ein Ammoniak-Importterminal und eine 1-GW-Elektrolyseanlage zur Wasserstoffproduktion gebaut werden. In Kombination könnten dann pro Jahr rund 300.000 Tonnen grüner Wasserstoff geliefert werden.   

Die Zukunft ist H2ready®
Die Leitung wurde deshalb vollständig ›H2ready®‹ gebaut. Eine Umstellung auf Wasserstoff ist schon ab 2028 geplant – damit wäre die Zukunftsleitung eine der ersten Leitungen, über die Wasserstoff nach Deutschland importiert werden kann.
    Doch das allein macht für die EWE noch nicht die Zukunft aus. Denn es ist die Kombination aus Wasserstofferzeugung und effizienter Speicherung, die die Energieversorgung erst zukunftsfähig und nachhaltig macht.


Aus Wind wird Wasserstoff
In der windreichen Region Nordwestdeutschland kommt es jährlich zu vielen Stunden, in denen mehr Strom erzeugt als verbraucht wird. Wird der Überschuss zu groß, wird ein sogenannter Redispatch notwendig: Hierbei wird steuernd in die Netze eingegriffen, um unter anderem die Einspeisung erneuer-barer Energien zu regeln. Schon jetzt muss die EWE mehr als 5.000-mal im Jahr in die Stromerzeugung eingreifen, um die Stabilität der Netze zu sichern.
    Damit überschüssige Energie nicht ungenutzt bleibt, braucht es spezielle Elektrolysekapazitäten zur Wasserstoffproduktion. Gemeinsam mit Partnern plant die EWE in Emden Investitionen von über 500 Millionen Euro für eine solche Elektrolyseanlage. Diese soll ab 2028 jährlich mehr als eine Terrawattstunde Wasserstoff produzieren. Und für die Speicherung ist bereits bestens gesorgt: Die EWE Netz GmbH verfügt in Nordwestdeutschland über ein Arbeitsgasvolumen von rund 20 Terrawatt-stunden an drei Speicherstandorten.
    Mit der Anbindung an das Wasserstoff-Kernnetz kann dann gewissermaßen die Zukunft der Energie verteilt werden: durch H2ready® Rohre von Mannesmann Line Pipe.

Schauen Sie sich das Video zum Bau der Zukunftsleitung an.


Die ›Zukunftsleitung‹ (GWL 600)

Die ›Zukunftsleitung‹ (GWL 600) bindet das LNG-Terminal Wilhelmshaven über weiterführende Netze in das Gasnetz Nordwestdeutschlands ein. So können bis zu vier Millionen Haushalte in der Region sicher versorgt werden. Ab 2028 ist auch die Speicherung und Verteilung von Wasserstoff geplant.
Grafik: © EWE

Die ›Zukunftsleitung‹ (GWL 600) bindet das LNG-Terminal Wilhelmshaven über weiterführende Netze in das Gasnetz Nordwestdeutschlands ein. So können bis zu vier Millionen Haushalte in der Region sicher versorgt werden. Ab 2028 ist auch die Speicherung und Verteilung von Wasserstoff geplant. Grafik: © EWE

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